Reaktoremissionen auf dem Dachboden der Professorin?
Inge Schmitz-Feuerhake will nachweisen, daß der Atommeiler Krümmel für die
Häufung von Leukämiefällen verantwortlich ist.
Die Bremer Physikprofessorin Inge Schmitz-Feuerhake sorgt mit ihrer Studie
über Plutoniumfunde im Umfeld des Reaktors Krümmel weiter für Wirbel.
öffentlich trägt sie ihren Meinungsstreit mit einem engen Mitarbeiter aus.
Von Eckhard Stengel, Bremen
Das Leben schreibt manchmal tragikomische Geschichten, so daß sich der
Betrachter fragt: Sitze ich im Theater? Hauptdarsteller in diesem Fall sind
eine 63jährige Physikprofessorin und ihr 44jähriger Mitarbeiter. Inge
Schmitz-Feuerhake und Gerald Kirchner arbeiten seit Jahren im selben
Fachbereich der Universität Bremen, sie war lange seine Vorgesetzte,
beide sind erklärte Atomkraftgegner und per du. Doch neuerdings hat sie ihm
das Du entzogen.
Denn der Doktor und habilitierte Privatdozent, der auch die "Landesmeßstelle
für Radioaktivität" leitet, hat es gewagt, der Professorin öffentlich ins
Wort zu fallen. Sie hatte im Auftrag der "Bürgerinitiative gegen Leukämie
in der Elbmarsch" Staubproben von Dachböden in der Nähe des Atomkraftwerks
Krümmel einsammeln lassen und auf Plutonium und sein Zerfallsprodukt Americium
untersucht, wobei Kirchner half. Für Schmitz-Feuerhake war schnell klar: Die
gefundenen Isotope können nur aus dem Atommeiler stammen - ein weiterer Beleg
für ihre seit Jahren vertretene These, daß Krümmel schuld ist an der Häufung
von Leukämiefällen in der Elbmarsch.
Alles falsch, fand dagegen Laborleiter Kirchner und wies die Kollegin, zunächst
intern, auf seine Sichtweise hin: Die Zusammensetzung der Proben entspreche
dem meßanalytischen "Fingerabdruck", wie er bis 1963 von oberirdischen
Atombombentests hinterlassen wurde. Also keine Krümmel-Emissionen, sondern,
schlimm genug, die Folge des kalten Krieges? Schmitz-Feuerhake hatte offenbar
andere Fingerabdrücke ermittelt; jedenfalls blieb sie bei ihrer These und
lieferte ihre Zehn-Seiten-Studie unverändert bei der Bürgerinitiative ab.
Die unverzüglich folgenden Medienberichte bescherten Gerald Kirchner eine
schlaflose Nacht. Er war weiterhin fest überzeugt: Die Kollegin irrt.
Schlimmer noch: Sie habe eine nicht ins Konzept passende Vergleichsprobe von
ihrem eigenen Dachboden in dem Gutachten unter den Tisch fallen lassen. Aber:
Darf man Kollegen öffentlich angreifen? Kirchner quälte sich lange mit dem
Abwägen und wandte sich schließlich an Journalisten.
"Ich habe oft genug der Atomwirtschaft Manipulationen vorgeworfen. Da kann
ich mich doch nicht selber dem Verdacht aussetzen, Methoden zu decken, die
womöglich als ähnlich angesehen werden", verteidigt er die Schelte. Gerade
als Atomkraftgegner müsse man¸"sehr, sehr sauber argumentieren". Und Fehler
sollte man lieber schnell selber korrigieren, bevor es andere tun, findet er.
Von wegen Fehler, sagt die Professorin. Sie bleibt bei ihrer Interpretation
und weist jeden Manipulationsverdacht zurück: Die strittige Vergleichsprobe
sei wegen Meßproblemen nicht aussagekräftig gewesen. Und ihrem Kritiker wirft
sie vor: "Er hat sich früh darauf festgelegt, daß Krümmel nicht für die
Leukämien verantwortlich ist, und möchte partout nicht seine Meinung ändern.
Ich glaube, er hat sich verrannt." ähnliches hört man allerdings auch über
Schmitz-Feuerhake. Seit Jahren legt sie immer wieder neue Indizien vor, die
die Krümmel-Schuld belegen sollen. Mal will sie Reaktoremissionen in Bäumen,
mal eine Häufung von Chromosomenabweichungen bei Kindern entdeckt haben.
Andere Experten, vor allem die Kernkraftanhänger, haben ihre Belege bisher
als nicht aussagekräftig zurückgewiesen.
Auch diesmal ist Kirchner keineswegs der einzige, der ihre Interpretationen
ablehnt und im Dachbodenstaub nichts als (relativ ungefährliche)
Atomwaffenrelikte erkennen kann. So sehen es auch das eher atomkraftfreundliche
"GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit", die von den Grünen
geführte Hamburger Umweltbehörde und der Reaktorbetreiber selbst.
Sogar die Universitätsleitung hat sich zu einer Bewertung hinreißen lassen.
Ohne vorher Schmitz-Feuerhake anzuhören (ein Sprecher: "Sie war für uns nicht
erreichbar"), stellte sich das Rektorat auf Kirchners Seite. ¸¸
"Wissenschaftlich nicht nachvollziehbar" sei Schmitz-Feuerhakes Sicht. Klarer
Fall: Die Uni hat Angst um ihr Image und will um Humboldts willen nicht wieder
als rote Kaderschmiede verschrien werden.
"Zensur von Amts wegen" nennen das wiederum die Bremer Grünen: "Daß die
Universitätsleitung sich derartig in einen wissenschaftlichen Streit in der
Sache einmischt und verkündet, was richtig und was falsch ist, ist ein
unglaublicher Vorgang." Moralische Unterstützung erhält die 63jährige auch
von der atomkritischen "Gesellschaft für Strahlenkunde", die vor ¸¸
"Vorverurteilung" und "Hexenjagd" warnt, und von eigenen Mitarbeitern, die
vom Nestbeschmutzer Kirchner "umgehend einen öffentlichen Widerruf seiner
verleumderischen Anschuldigungen" verlangen und ein Disziplinarverfahren
gegen ihn fordern.
In einer Art Gegenerklärung rügen Professorenkollegen, daß die Krümmel-Studie
veröffentlicht wurde, ohne daß sie im bundesdeutschen Fachkollegium einer
sorgfältigen wissenschaftlichen Würdigung unterzogen werden konnte. Die
Fronten gehen also quer durch den Fachbereich.
Schmitz-Feuerhake wirkt schwer getroffen und nervlich angeschlagen. Gegen
Kirchner erwägt sie eine Verleumdungsklage. Ansonsten reagiert sie mit Spott:
"Er ist tatsächlich ein Genie. Wir wissen ja, daß Männer intelligenter sind
als Frauen", stichelte sie in einer Fernsehrunde. Danach meldete sie sich bis
Jahresende krank und fehlte auch bei einer Debatte mit Kirchner und externen
Fachleuten im Kieler Energieministerium. Für ihr Privattelefon hat sie sich
eine Geheimnummer geben lassen: Das war wohl zuviel Wirbel für sie.
Auch Kirchner leidet unter dem Hickhack. Der Sprecher des Fachbereichs,
Professor Jürgen Gutowski, versichert zwar: "Er hat sich formal nicht falsch
verhalten." Doch Kirchner vermutet, daß der Streit "nach außen hin uns beide
nicht unbeschädigt läßt". Fast wie in der klassischen Tragödie.
© 1998 Stuttgarter Zeitung, Germany